Menu
Menü
X

(((Glockenschlag)))

EvKiBiPfr. Klaus Gottschlich
Pfr. Klaus Gottschlich

„Nur Kinder und Narren sagen die Wahrheit“

Man mag es kaum glauben, aber manch eine Büttenrede und manch ein Motivwagen beim Umzug packt eine Sache am Schopf, die viele denken, aber nicht laut und deutlich formulieren. Ich denke an das Sprichwort: Nur Kinder und Narren sagen die Wahrheit. Ob das stimmt, sei mal dahin gestellt. Sicher ist heute, dass Kindermund tatsächlich bei mancher Gelegenheit Wahrheit kundtut, sicher ist aber auch, dass sie schon früh damit beginnen, zu flunkern oder zu täuschen, wenn sie etwas erreichen wollen. 

Ebenso sicher ist,  dass früher die Narren am Hof Kritik am Herrscher formulieren konnten, ohne dafür gleich hart bestraft zu werden. Sie waren Unterhalter, Belustiger und Spaßmacher Sie konnten die Wahrheit sagen, sich über Kirche und Herrscher lustig machen. Sie genossen „Narrenfreiheit“. Sie durften den Herrschern einen Spiegel vor die Nase halten. Beim Narrenfest wurden die Rollen vertauscht und die Obrigkeit bekam zu sehen, was das Volk von ihr hielt. Ein Hinweis auf die wahren Gedanken der Bevölkerung wurde, auf lustige Art und Weise verpackt, an die Öffentlichkeit getragen. Die Mächtigen bekamen auch das zu sehen und zu hören, was sonst nur hinter vorgehaltener Hand geäußert werden konnte. Wenn sie schlau waren, konnten diese Hinweise dazu dienen, ihr Verhalten zu beeinflussen. Aber schlau war das allemal. Die Mächtigen erfuhren, was das Volk beschäftigt und das Volk hatte die Möglichkeit, seinen Unmut laut zu äußern. Wenn die Festtage vorbei waren, hatten die einen ihrem Unmut endlich mal wieder Luft gemacht, waren vielleicht sogar stolz, dass sie es den Herren einmal so richtig gezeigt hatte und die anderen wussten: Jetzt kann es wieder weitergehen wie vorher. Die Narren und derartige Feste wurden eingebaut, damit das Volk immer wieder mal ein Ventil hatte, bevor es drohte überzukochen. Wenn ich dem glauben kann, was dazu überliefert ist, hat die Bevölkerung auch reichlich Gebrauch davon gemacht, bevor sie dann alles wieder hingenommen haben, was die Obrigkeit ihnen abverlangte. 

Das war schon damals keine neue Idee; die Römer nannten das Ganze „Brot und Spiele“. Schon sie wussten, wie sich die Menschen ruhigstellen lassen.

In gewisser Weise funktioniert das bis heute. Wenn ich Umweltzerstörung gegen alle Vernunft mit Wohlstand verbinde, sind wir bereit, die Bewahrung der Schöpfung hinten anzustellen – auch auf Kosten der nachfolgenden Generationen. Ich muss es nur einfach genug formulieren, um von der eigentlichen Sache abzulenken, dann werden politisch unsinnige Entscheidungen plötzlich förderungswürdig. 

Wenn ein Präsident im Wahlkampf eine Mauer verspricht, die andere bezahlen sollen, taucht später die Frage auf, ob er jetzt nicht aus Gründen der Glaubwürdigkeit sein Versprechen einlösen muss, ganz egal, ob das Bauwerk sinnvoll ist oder nicht. 

Die Aufmerksamkeit der Massen wird auf einen anderen Punkt gerichtet, damit der Sinn des Vorhabens nicht mehr angezweifelt wird. Und wenn dann alle ausreichend Raum hatten, sich auszutoben, bleibt alles, wie es ist.

Wie im alten Rom und wie im Mittelalter bei den Narren, wie bei manchem Volksfest in unserer Zeit. Menschen bekommen Raum, sich auszutoben bei Straßenfesten und im Fußballstation, sie können sich im Urlaub benehmen, wie sie es zuhause niemals tun würden, aber für wichtige Veränderungen in dieser Welt und im eigenen Leben bleiben weder Zeit noch Geld. Eigentlich ist das verwunderlich oder?

Aber eine entscheidende Veränderung gegenüber früher scheint mir zu sein, dass wir diese „Ventile“ auch nutzen können, um Kraft zu tanken. Wir können anschließend mit neuer Energie den Problemen dieser Welt in die Augen blicken. Wir können die Tage der Ausgelassenheit und der Freude nutzen, um uns anschließend mit Freude und Schwung den wichtigen Veränderungen zuzuwenden.

Ich wünsche Ihnen gute Laune, Freude und Spaß, dass Sie soviel lachen können, wie schon lange nicht mehr und dass sie dabei viel Energie tanken, um über das nachzudenken, was Ihnen Kinder und Narren mit auf den Weg gegeben haben.  Vielleicht machen Sie sich mit Kindern und Narren zusammen auf den Weg, um mit Witz und Verstand unsere Welt ein kleines Stückchen zu verändern.

Herzliche Grüße

Klaus Gottschlich

top